Hans-Christian Dany, 8.99
Hans-Peter Feldmann im Kunstverein Graz
und dem Kunstraum der Universität
Lüneburg.
(Erschien in springerin #3.1999)
Die künstlerische Biografie von Hans-Peter Feldmann wirkt durchzogen
von einem Wechselspiel aus Brüchen und Kontinuität. 1968 gab der
seit seiner Geburt (1941) in Düsseldorf lebende Künstler die Malerei
auf - wie er selbst sagt, um den Transport der Bilder zu vereinfachen. Die
sich anschliessende, eher konzeptuelle Auseinandersetzung mit Fotografischen
Bildern ist geprägt von einem malerischen Blick. Anfang der achtziger
Jahre verabschiedete er sich aus der Kunstöffentlichkeit und machte
einen Spielzeugladen auf. Seit einigen Jahren tritt Feldmann nun wieder
im Kunstbetrieb auf: als Mitherausgeber des bis auf einen Index textlosen
Magazins 'Ohio'; als 'Feldmann Verlag', in dem jüngst das Buch '1000
Frauen - die Sammlung Hansen' erschien; mit Künstlerbüchern wie
dem vielbeachteten Band "Die Toten"; in Gruppenausstellungen wie
zuletzt Stadtluft" im Kunstverein Hamburg oder "Moving Images"
in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst. Schliesslich
zeigte der Kunstverein Graz heuer eine Retrospektive von Feldmanns Arbeiten
aus den siebziger Jahren, und der Kunstraum der Universität Lüneburg
lud ihn zu einem umfangreichen Projekt ein.
Was macht den auf den ersten Eindruck fast spröden, deutlich in den
siebziger Jahren wurzelnden Arbeitsansatz so aktuell? Im Mittelpunkt der
Grazer Ausstellung stehen die für Feldmanns Arbeiten signifikanten
'Hefte' (1968-74), die in einfach gedruckten Auflagen um 500 Stück
vertrieben wurden. Jedes der 34 Hefte steht unter einem Begriff - 'Hecken',
'Mantel' oder 'Flugzeuge' -, dem jeweils eine bis 152 teils gefundene, teils
eigens dafür aufgenommene Fotografien zugeordnet sind. Der Umfang der
Serie bestimmt sich danach, wie viele Fotos Feldmann für notwendig
erachtete, um den "Durchschnitt" des jeweiligen Begriffs oder
Sujets zu ermitteln. Die Hefte bilden damit ein Fragment gebliebenes Bildlexikon
der Dinge dieser Welt, vor allem zeichnet sich in ihnen eine Art Grammatik
der in den Fotografien festgehaltenen Blicke ab. Sichtbar werden Sehnsüchte,
Abweisung und Phantasmen. Dabei gelingt ihm - im Gegensatz zu vielen ZeitgenossInnen
mit ähnlichen Ansätzen - ein überzeugendes Wechselspiel aus
Nähe und Distanz. Nie setzt er die kleinbürgerlichen Bildwelten
dem Gelächter aus, wie Anna und Bernhard Blume dies tun, nie legt er
Foto-AmateurInnen unaufgefordert ein Emanzipationsbedürfnis in den
Mund wie Dieter Hacker oder verkunstet das Triviale wie Gerhard Richter.
Klarheit und Stringenz, das macht die Grazer Ausstellung deutlich, werden
bei Feldmann immer wieder gebrochen. Mal koloriert er Kopien mit quietschenden
Aquarellfarben oder bemalt ein Spielzeugauto und erzählt damit, dass
gerade geregnet hat. Er nimmt die Identität eins gewissen Gerhard Amberger
an, der Briefe an einen fiktiven Empfänger schickt. Ohne die vertrauten
Produktionsmodelle zu bedienen, erhält sich Feldmann dadurch ein breites
Spektrum künstlerischer Möglichkeiten. Vielleicht ist es dieser
Entwurf eines poetischen Konzeptualisten, der sich an Rändern und in
Zwischenräumen bewegt, der ihn gerade jetzt interessant macht. Zudem
trifft seine kontinuierliche Arbeit über das Verhältnis von Objekt
und Phantasma mitten ins Zentrum der anhaltenden Diskussionen um das Virtuelle.
Feldmann gelingt es nicht nur, Ordnungsprinzipien durch einfache Strukturierung
transparent zu machen, sondern auch die Verschränkung von subjektiven
und institutionellen beziehungsweise technologischen Faktoren produktiv
zu machen. Dies dürfte der Grund für die Einladung nach Lüneburg
gewesen sein. Ausgangspunkt des in Zusammenarbeit mit Feldmann erarbeiteten
Ausstellungsprojektes 'Interarchiv' ist das Archiv von Hans-Ulrich Obrist.
Der Initiator des Projektes lagert hier in bisher rund 1000 Schubern das
Fundament seiner Arbeit - eine für Dritte aufgrund mangelnder Ordnungsparameter
schwer zugängliche Wissenarchitektur aus Katalogen, Büchern, Zeitschriften,
Briefen oder Videos. Feldmann sichtete mit Obrist, einer StudentInnengruppe
und ProfessorInnen das Material. Die Rolle des Kurators, der sich Einblick
in das Archiv des Künstlers verschafft und eine Auswahl daraus veröffentlicht,
wurde damit umgekehrt. In der Ausstellung auf einem der Dachböden der
Universität bleibt das reale Archiv im Nebenraum unzugänglich.
Zu sehen ist ein Tableau davon. An den Wänden sind dicht an dicht Sperrholzplatten
aufgestellt, auf die Reprofotografien von Katalogcovern einzelner KünstlerInnen
gepinnt sind. Im Raum finden sich verschiedene Sichtungsgeräte, Bananenkartons
verweisen auf den provisorischen Charakter der Sammlung.
Die Freude über den spannenden Ansatz der Ausstellung wird aber bald
überschattet. Die aus Lüneburg vertrauten Arbeitstechniken werden
hier mechanisch wiederholt: Wie üblich gibt es Fotos der StudentInnen
aus der Vorbereitungsphase, die auf der Karte gleichberechtig genannt sind;
sie bleiben in der Ausstellung aber blass. Die unvermeidlichen Statistiken
sind trotz neuem Farbdrucker kaum lesbar. Die ausliegenden Texte verharren
in einem formalisierten Sprachduktus. Am ärgerlichsten ist, dass die
Ansätze zur Kategorisierung ber der Sortierung nach Eigennamen der
KünstlerInnen stehen bleiben. Weitergeschrieben wird neben den Verwertungsmechanismen
des Kunstmarktes vor allem die Konvention. Dass innerhalb des Materials
"Links" gelegt wurden, teilt sich vorallem als Allgemeinplatz
mit. Das ganze wirkt weniger an dem Potential, als an der Oberfläche
des Materials interessiert.
Nur in einem Detail eröffnen sich Perspektiven. Es handelt sich um
ein von Obrist mit genauso liebevoller wie präziser Hingabe aufgenommenes
Video-Interview mit Gilbert & George. Ein aufgeregter chaotischer Sammler,
der nur zweimal kurz im Spiegel zu sehen ist, beobachtet durch die Handycam
fasziniert zwei genau so zwanghaft penible wie entspannte Archivare des
eigenen Lebens. In dem Video wird sowohl Obrist als Suchender erkennbar
als auch das künstlerische Potential des Archivs von Gilbert &
George, die sich durch Ordnung einen Freiraum herstellen. Wie durch die
Hintertür taucht mit dem Video Feldmanns in der beflissenen Ausstellung
ansonsten unscharf bleibender Arbeitsansatz auf. Die Dinge führen sich
selbst vor, anstatt "zum Sprechen" gebracht zu werden. Das Tableau
des Archivs wird an dieser Stelle zur Erzählung von menschlichen Sehnsüchten,
psychischen Befindlichkeiten und Umgangsformen mit Wirklichkeit.
PS: Die Ausstellung im Kunstraum ist weiterhin zugänglich.